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Arbeitszeugnis-Formulierungen: Versteckte Kritik in der Bewertung erkennen

Liliia Sydor
Liliia Sydor, Content Manager, Redakteur
· 7 min

Wenn Ihr Arbeitszeugnis aussagt, dass Sie in Ihrem letzten Job für “Belange der Mitarbeiter oft großes Einfühlungsvermögen” zeigten oder “großes Interesse am Betriebsgeschehen” mitbrachten, klingt das erst einmal danach, als seien Sie beruflich engagiert und menschlich hoch angesehen gewesen. Enthalten Arbeitszeugnisse solche Formulierungen, kann das übersetzt aber auch bedeuten, dass Sie Ihre Arbeitszeit fürs Flirten verwenden und bei Betriebsfeiern gerne mal das ein oder andere Glas zu viel trinken. Was hier flapsig formuliert ist, kann Ihnen de facto echte berufliche Nachteile bringen. Damit Sie nicht versehentlich ein Zeugnis verwenden, das versteckte Kritik enthält, und damit Sie wissen, was Personaler wirklich meinen, wenn Sie bestimmte Formulierungen in Ihre Beurteilung schreiben, finden Sie in diesem Artikel alle wichtigen Informationen rund ums Arbeitszeugnis und seine “geheimen Codes“. 

Warum Arbeitszeugnisse oft eine „Geheimsprache“ enthalten

Wie schreibt man ein Arbeitszeugnis? Wenn Arbeitgeber ein Arbeitszeugnis erstellen, müssen sie dabei bestimmte gesetzliche Vorgaben erfüllen. Die Vorgaben werden zum Beispiel in Paragraph 109 der Gewerbeordnung festgelegt. Es ist beispielsweise von Arbeitgeberseite aus verpflichtend, Arbeitnehmern bei der Beendigung eines Arbeitsverhältnisses auf Anfrage ein Arbeitszeugnis auszustellen. Die Frage “Arbeitszeugnis – wann spätestens?“ lässt sich recht leicht beantworten. Der Arbeitgeber hat vom Zeitpunkt der Anfrage ausgehend maximal vier Wochen Zeit, dieser nachzukommen. Bis hierhin ist der Sachverhalt also eindeutig; zu den Bedingungen, die die Ausstellenden eines Arbeitszeugnisses erfüllen müssen, gehört aber auch, dass dieses wohlwollend formuliert und dennoch wahrheitsgemäß sein muss. Direkte negative Formulierung wie “Person XY kommt häufig zu spät” oder “Herr/Frau XY war den gestellten Anforderungen nicht gewachsen” ist rechtlich damit anfechtbar und kann negative Konsequenzen für das Unternehmen haben. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen Wohlwollend und wahrheitsgemäß ist mit der Zeit eine Art “Geheimcode“ entstanden, der rechtlich nicht angreifbar und für Arbeitnehmer oft kaum verständlich ist. Viele Arbeitnehmer glauben, sie hätten ein gutes Zeugnis bekommen; geschulte Personaler hingegen erkennen sofort die versteckte Kritik. 

Die Notenskala im Arbeitszeugnis verstehen

Wie sieht ein sehr gutes Arbeitszeugnis aus? Für einstellende Unternehmen geht es darum, die fachliche und menschliche Eignung potenzieller neuer Mitarbeiter festzustellen. Hierfür sind die Vergleichbarkeit und eine einheitliche Formulierung von großem Wert und eine solche hat sich in der Praxis auch etabliert. Natürlich bedeutet eine sehr positive Beurteilung einen besonders großen Vorteil für Ihre nächste Bewerbung. Hier finden Sie in der Übersicht, welche Bewertungen in einem Arbeitszeugnis welchen Schulnoten entsprechen: 

Formulierung: Schulnote: 
“Stets zu unser vollsten Zufriedenheit” 1
“Stets zu unser vollen Zufriedenheit”2
“Zu unser vollen Zufriedenheit”3
“Zu unser Zufriedenheit”4
“Stets bemüht”5

Ein perfektes Arbeitszeugnis enthält also Formulierungen wie “zur vollsten Zufriedenheit“. Formulierungen wie “stets bemüht“ bedeuten hingegen übersetzt, dass Sie nicht fähig waren, die an Sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Diese Formulierungen lassen sich so oder so ähnlich auch auf andere Parameter der Leistungsbeurteilung übertragen. So ist eine “stets ausgezeichnete Arbeitsmoral“ in Schulnoten eine glatte 1, während “im Allgemeinen akzeptabel“ eine vernichtende Beurteilung darstellt und in Schulnoten einer 5 entspricht. Achten Sie dementsprechend genau auf die gewählten Formulierungen, denn schon ein einzelnes Wort kann einen entscheidenden Unterschied machen. 

Typische versteckte Kritik im Arbeitszeugnis

“Stets bemüht“ ist, wie oben beschrieben, vielleicht die negativste Formulierung, die Sie in einem Arbeitszeugnis finden können. Hier wird nicht Ihre Motivation gelobt, sondern Ihre fachliche Kompetenz angezweifelt. Es gibt aber natürlich noch andere Klassiker an Formulierungen, die sich niemand in seinem Arbeitszeugnis wünscht. Dazu gehören zum Beispiel folgende Sätze: 

  • “Person XY war gesellig und kontaktfreudig” – Diese Formulierung drückt aus, dass Sie die Arbeitszeit mehr für Privatgespräche genutzt haben als für die Erledigung der an Sie gestellten Aufgaben. 
  • “Person XY zeigt Bemühungen, die an sie gestellten Aufgaben zu erledigen” – Bemühungen suggerieren immer den Mangel an Erfolg und sind damit immer eine versteckte Kritik. 
  • “Person XY erledigte die an Sie gestellten Aufgaben im Rahmen ihrer Fähigkeiten” – Wenn explizit eine Formulierung wie “im Rahmen ihrer Fähigkeiten” gewählt wird, wird diese vom Arbeitgeber als gering eingeschätzt und es handelt sich somit um eine versteckte Kritik. 
  • “Person XY erledigte ihre Aufgaben unter Aufsicht selbstständig” – Diese Formulierung bedeutet, dass Sie keine Eigeninitiative gezeigt haben und Ihre Arbeitsmoral zu wünschen übrig lässt. 
  • “Person XY zeigte Fortschritte“ – Fortschritte sind keine Leistungen, sondern diese Formulierung suggeriert, dass Sie ein niedriges Leistungsniveau haben.
  • “Person XYs offene Art wurde von Kollegen geschätzt” – Sie verhalten sich zu informell und möglicherweise für den beruflichen Kontext unangebracht. 

Immer dann, wenn Formulierungen nicht ausschließlich positiv gewählt sind, sind sie auch nicht positiv gemeint. Diese Formel gilt auch für andere Formulierungen und auch wenn Teile ausgespart werden, ist das selten ein gutes Zeichen. Wenn ein Themenkomplex also gar keine Erwähnung findet, ist davon auszugehen, dass die Beurteilung in diesem Bereich negativ ausfällt. 

Wie Personaler Verhalten und Soft Skills bewerten

Auch die Beurteilung Ihrer Soft Skills findet einen Platz in einem Musterarbeitszeugnis. Dabei wird (so zutreffend) sowohl der Umgang mit Vorgesetzten als auch mit Kollegen und Kunden bewertet. Eine positive Formulierung könnte beispielsweise lauten: “Person XY zeigte sich im Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden stets vorbildlich.” Sollten Vorgesetzte beispielsweise ausgespart werden, deutet das auf mögliche Konflikte mit dem Chef hin. Wenn es wiederum heißt, Sie seien um ein gutes Verhältnis mit Kollegen bemüht gewesen, ist das ein versteckter Hinweis darauf, dass Sie viel Streit im Team hatten. Was die Einstufung in Noten angeht, kommt es wiederum stark auf die genaue Formulierung an. “Kein Anlass zur Beanstandung” ist eher negativ zu verstehen, “korrekt” ist im mittleren Bereich, “einwandfrei” gilt als gut, aber nicht überragend und “vorbildlich” ist eine glatte 1. 

Schlussformeln im Arbeitszeugnis richtig interpretieren

Es gibt drei Hauptbestandteile einer Schlussformel im Arbeitszeugnis: 

  1. Danke für die Zusammenarbeit. 
  2. Bedauern über das Ausscheiden aus dem Unternehmen. 
  3. Positive Zukunftswünsche. 

Wenn einer dieser Bestandteile fehlt, ist das ein negatives Signal und drückt aus, dass der Arbeitgeber die Beendigung des Arbeitszeugnisses nicht wirklich bedauert. Wenn die Zusammenarbeit als “ausgezeichnet“ oder “hervorragend“ bezeichnet wird, ist das ein Gütesiegel; wenn solche Adjektive vermieden werden, die drei Grundelemente aber enthalten sind, bewegen wir uns meist im mittleren Bereich. 

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Was tun bei einem schlechten Arbeitszeugnis?

Wenn Ihnen ein Arbeitszeugnis ausgestellt wird, sollten Sie dieses genau prüfen, denn ein negatives Arbeitszeugnis hat nicht nur keinen positiven Wert für Ihre Bewerbungsmappe, sondern kann Ihnen sogar einen Nachteil beim Auswahlverfahren bescheren. Was müssen Sie aber tun, wenn Sie ein Arbeitszeugnis bekommen, um sicherzugehen, dass keine versteckte Kritik enthalten ist, und wie gehen Sie im Zweifelsfall vor, wenn es das doch tut? 

  • Analysieren Sie das Arbeitszeugnis genau. Lesen Sie die Leistungsbeurteilung genau durch und suchen Sie anhand der in diesem Artikel vorgestellten Formulierungen nach versteckter Kritik bzw, schätzen Sie ein, welcher Gesamtbewertung das Arbeitszeugnis tatsächlich entspricht. Auch KI-Modelle können bei der Analyse helfen, wenn Sie sich nicht sicher sind. Diese Modelle sind darauf spezialisiert, Muster zu erkennen, und ein Arbeitszeugnis folgt immer bestimmten Mustern und nutzt Standardformulierungen. 
  • Wenn Ihnen auffällt, dass das Arbeitszeugnis versteckte Kritik enthält oder wenn Sie glauben, dass bestimmte Formulierungen diesen Schluss offen lassen und unvorteilhaft gewählt sind, nehmen Sie schnellstmöglich Kontakt mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber auf. Mitunter handelt es sich nur um eine ungünstige Formulierung, ein Versehen oder ein Missverständnis, und je schneller Sie um eine Korrektur bitten, desto besser stehen die Chancen, dass Sie ein positiv formuliertes Arbeitszeugnis ausgestellt bekommen.
  • Sie haben zudem ein Recht darauf, dass Ihr Arbeitszeugnis korrekt und fair ist. In der Praxis zeigt die Rechtssprechung, dass bei sehr negativen Formulierungen die Beweislast meistens beim Arbeitgeber liegt, wenn der Arbeitnehmer eine sehr postive Beurteilung verlangt wiederum, muss er beweisen, dass die erbrachten Leistungen tatsächlich so gut waren. 
  • Wenn Sie sich auf anderem Wege nicht mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber einigen können, haben Sie die Möglichkeit, eine rechtliche Beratung in Anspruch zu nehmen und ggf. eine Klage einzureichen. In diesem Fall ist ein Fachanwalt für Arbeitsrecht die richtige Wahl. Wir empfehlen Ihnen allerdings, diesen Schritt genau abzuwägen und zu entscheiden, ob das korrigierte Arbeitszeugnis Ihnen den Aufwand und ggf. die Kosten wert ist. 

Jetzt haben wir für den Moment genug über Ihren ehemaligen Arbeitgeber gesprochen und wollen nicht länger in der Vergangenheit leben. Stattdessen legen wir Ihnen unseren Blog für alle Fragen rund um Ihre aktuelle Bewerbung ans Herz und möchten Sie darauf hinweisen, dass Sie bei Jooble viele Stellenangebote aus allen erdenklichen Branchen finden. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Bewerbung und alles Gute für Ihre berufliche Zukunft!